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KIBA - Selber komponieren in der neuen Bachausstellung

  • Vortrag, gehalten am 27.01.2014 in der Konzerthalle C.P.E. Bach, Frankfurt (Oder)
Skizze zum Entwurf der Komponierstation KIBA

Bild 0-1: Skizze zum Entwurf der Komponierstation KIBA

Liebe Anwesenden,

zur Neueröffnung der Bachausstellung in diesem Gebäude im September soll es dort unter anderem auch eine Station geben, an der die Besucher selber komponieren können. KIBA heißt diese Computer gestützte Station.

Mein Name ist Guido Kramann. Ich komme von der Fachhochschule Brandenburg und freue mich sehr, dass Sie alle heute abend hierher gekommen sind, um mehr über dieses Novum in der Bachausstellung zu erfahren.

Außer den Prototyp von KIBA hier vorne, sehen Sie hier außerdem einige Studierende der Fachhochschule Brandenburg aus dem Master-Studiengang Digitale Medien. Diese haben sich eingehend mit dem Prototyp von KIBA beschäftigt und die Möglichkeiten von KIBA, also auf welche Weise ein Museumsbesucher mit KIBA komponieren kann, erweitert.

Im weiteren Verlauf dieses Abends möchte ich Ihnen zunächst präsentieren, wie KIBA normalerweise arbeitet und im Anschluß werden die Studierenden ihre Variationen dazu vorstellen. Und schließlich sollen Sie, liebe Anwesenden, die Gelegenheit erhalten hier nach vorne zu kommen, um KIBA selber zu testen.

Ich beginne zunächst damit, Ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln, was KIBA ist, teilweise beschreibend und teilweise in Form einer praktischen Vorführung. Dann, im Anschluß daran möchte ich auch einige grundlegendere Dinge zu KIBA sagen, beispielsweise, wie KIBA voraussichtlich auf Museumsbesucher wirken wird.

W a s i s t K I B A ?

Sie sehen hier diesen Leuchttisch. Auf diesen kann man transparente farbige Spielchips legen. Die Chips werden über eine Kamera von einem Computerprogramm nach Farbe und Position innerhalb eines Schachbrett-artigen Rasters erfaßt.

Prototyp von KIBA.

Bild 0-2: Prototyp von KIBA.

Zumeist durch Interpretation der einen Richtung als Zeitachse und der senkrecht dazu liegenden als Tonhöhe wird das Spielchip-Muster durch das Computerprogramm beispielsweise als ein Takt interpretiert, der dann zyklisch wiederholt zum Erklingen gebracht wird, wobei etwaige Veränderungen in der Konstellation der Spielchips auf dem Leuchttisch sofort berücksichtigt werden.

Das ist zunächst das Grundprinzip nach dem KIBA funktioniert. Nun können auf dieser Basis nach frei gewählten Regeln arbeitende Computerprogramme umgesetzt werden.

Indem KIBA durch das Legen von Chips benutzt wird, ist es sehr viel haptischer, als ein Computerspiel. Die Schlichtheit des Aufbaus bindet die Aufmerksamkeit zudem nicht sehr stark und so fokussiert die Wahrnehmung ganz von selbst mehr auf das akustische Geschehen. KIBA wurde ganz bewußt so entwickelt, dass hier das Ohr und nicht das Auge das wichtigste Wahrnehmungsorgan ist.

Freundliche Unterstützung Dritter.

Bild 0-3: Freundliche Unterstützung Dritter.

Um konform damit auch eine zufriedenstellende Klanglichkeit zu erhalten und auch um einen Bezug zu der Bachzeit herzustellen, wird ein so genannter Soundfont benutzt, der auf einem Blanchet-Cembalo von 1720 basiert. Die Urheber dieses Soundfonts,Eric Bricet and Jean Yves Garet der französischen Firma Soni Musicae haben dem zugestimmt, dass er für KIBA frei benutzt werden kann.

Ebenso bei der Entwicklung der Kompositionsprogramme für KIBA war es wichtig, Bezüge zur Bachzeit und zu C.P.E. Bach herzustellen.

Die Würfel-Polonaise von Johann Philipp Kirnberger.

Bild 0-4: Die Würfel-Polonaise von Johann Philipp Kirnberger.

Eine bereits häufig für Computer adaptierte Kompositionsmethode, ist die Würfel-Polonaise von Johann Philipp Kirnberger. Mit den grünen Chips wählt man auf dem Leuchttisch für die 14 verschiedenen Takte der Würfelpolonaise über deren vertikale Position 6 Varianten aus. Dankenswerter Weise konnten für KIBA die insgesamt 84 verschiedenen Taktvariationen in digitaler Form (Midi-Files) aus einer bereits bestehenden Umsetzung für das Internet des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Mainz, dessen Leiter Dr. Albert Gräf ist, für KIBA verwendet werden.

Umsetzung der Würfel-Polonaise mit Chips auf dem Leuchttisch.

Bild 0-5: Umsetzung der Würfel-Polonaise mit Chips auf dem Leuchttisch.

Sozusagen im Grundbetrieb von KIBA können die Besucher noch auf zwei weitere Arten komponieren: Individuell mit den roten Chips, wobei sich hier die Adaption des musikalischen Stils der Minimalmusic angeboten hat:

Komposition von Minimalmusic als zweite Kompositionsart in KIBA. Hinzufügen eines Tonereignisses in einer ständig wiederholten Phrase.

Bild 0-6: Komposition von Minimalmusic als zweite Kompositionsart in KIBA. Hinzufügen eines Tonereignisses in einer ständig wiederholten Phrase.

Komposition von Minimalmusic auf dem Leuchttisch.

Bild 0-7: Komposition von Minimalmusic auf dem Leuchttisch.

Auszug aus einer Beispielkomposition.

Bild 0-8: Auszug aus einer Beispielkomposition.

Durch wiederholtes Legen von roten Chips [HINWEIS: Bei der endgültigen Umsetzung wurde die Abhängigkeit der Kompositionsart von der Chipfarbe zugunsten der Möglichkeit aufgegeben, über diese die Klangfarbe zu ändern.] werden einer zyklisch gespielten Phrase immer wieder neue Ereignisse hinzugefügt. Als Vertreter dieser Musikgattung, durch den diese Vorgehensweise am stärksten beeinflußt wurde, möchte ich Steve Reich nennen. UnterstüÜml;t wird der Besucher hier beim Komponieren durch den Computer, indem das Computerprogramm Einfluß auf die Zuordnung zwischen Rasterzeilen und Tonhöhen, sowie auf die Stimmzuordnung der gelegten Chips nimmt, um ein kontrapunktisch möglichst befriedigendes Ergebnis zu erzielen.

Komponieren mit Hilfe von Carl Philipp Emanuel Bach.

Bild 0-9: Komponieren mit Hilfe von Carl Philipp Emanuel Bach.

Bei der dritten Variante komponiert der Besucher quasi mit Unterstützung von Carl Philipp Emanuel Bach. Dafür kommen die blauen Chips zum Einsatz.

Wie funktioniert diese dritte Variante?

Wieder legt der Besucher Spielchips auf das Leuchttisch-Raster und wie beim individuell Komponieren stellt die horizontale Richtung die Schläge innerhalb eines 4/4-Taktes dar mit der minimalen Auflösung einer Sechzehntel, während die vertikale Richtung für die Tonhöhe steht.

Im Fall der dritten Variante liegt aber die Zuordnung zwischen Rasterzeile und Tonhöhe von vorne herein fest: Es wird eine G-Dur-Skala vorgegeben. Dies deshalb, weil das, was gelegt wird mit dem ersten Teil des zweiten Satzes einer frühen G-Dur-Sonate C.P.E. Bachs (Wq 65/6), die nachweislich in Frankfurt (Oder) entstanden ist, in Beziehung gebrachgt wird: Konkret sucht das Computerprogramm danach, welcher Takt und dort welche Stimme aus dem erwähnten Bach-Stück am besten zu der gerade auf dem Leuchttisch gelegten Melodik paßt. Genau dies wird dann auch sofort zugespielt.

Um hier den Raum passender Möglichkeiten etwas zu erweitern, ohne jedoch zu sehr in die Vorgaben des Museumsbesuchers einzugreifen, wird das gelegte melodische Muster vom Programm versuchsweise auch auf verschiedene Tonstufen transponiert.

Im Verlauf einer Sitzung werden zudem immer diejenigen Leuchttisch-Konstellationen gespeichert, die am besten zu einem der Bachtakte als Gegenstimme passen. So entsteht nach und nach eine alternative Komposition zum ursprünglichen Bach-Satz, der Elemente von Bach und vom Besucher enthält. Auf Anforderung wird dieses Ergebnis schließlich in Noten und eine Audiodatei umgesetzt und kann vom Besucher auf einem USB-Speicherstick mitgenommen werden.

KIBA steht für K-irnberger | I-ndividuell | BA-ch.

Bild 0-10: KIBA steht für K-irnberger | I-ndividuell | BA-ch.

KIBA ist also ein Kürzel, das sich folgendermassen zusammensetzt:

K steht für Kirnberger,
I  steht für Individuell,
BA steht für Bach.

Code 0-1: KIBA.

Und Sie haben jetzt auch schon erfahren, was sich hinter den Kompositionsvarianten im Einzelnen verbirgt.

W a s k a n n K I B A b e w i r k e n ?

KIBA in Aktion.

Bild 0-11: KIBA in Aktion.

Der Museumsbesucher, der sich mit KIBA auseinandersetzt, ist nicht der distanzierte Betrachter, welcher durch die Glasscheiben hunderter Vitrinen hindurch Zeugnisse einer vergangenen Epoche zur Kenntnis nimmt. Der Museumsbesuch endet nicht mit einem Schulterzucken und einem „Aha – so war das also damals“.

Vielmehr wird der Besucher durch KIBA schon ziemlich herausgefordert:

Besucher werden aufgefordert selber zu komponieren. Gerade bei der letzten Kompositionsart wird deutlich: Erst wenn sich die Besucher einlassen auf das selber Komponieren, kommt ihnen Bach auf halbem Weg entgegen und trägt Eigenes zu dem aktuell bereits Erklingenden bei.

Im besten Fall entsteht die Illusion einer Begegnung mit Bach auf dessen ureigenstem Gebiet: im gemeinsamen Musizieren/Improvisieren/Komponieren – und dies wirklich auf Augenhöhe, denn der musikalische Beitrag der Besucher macht ja die Hälfte des Ganzen aus.

C.P.E. Bach begegnen.

Bild 0-12: C.P.E. Bach begegnen.

Vielleicht ist das jetzt etwas theatralisch formuliert, aber so wird es, denke ich klar, um was es geht:

Im übertragenen Sinne wird hier Bach zuerst von seinem Sockel heruntergeholt, um ihn besser kennen zu lernen, einerseits um dessen Werk danach umso besser schätzen zu können, zum anderen wird aber diese Begegnung vielleicht einen Funken entzünden - Menschen dazu bringen, sich mehr für Musik zu interessieren als vorher, sie vielleicht sogar dazu zu bringen, das Komponieren zu erlernen. Ganz allgemein sehe ich persönlich darin eine Förderung der jetzigen aktuellen Kultur, in Ergänzung dazu, verganene Kultur-Epochen zu rezipieren und bewahren zu wollen.

Wirkzusammenhänge bei KIBA.

Bild 0-13: Wirkzusammenhänge bei KIBA.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass KIBA auf ganz unterschiedlichen Ebenen eingesetzt werden kann:

Bisher habe ich vor allem die Wirkung und die Möglichkeiten für Museumsbesucher beschrieben:

Der komponierende Museumsbesucher wird durch explizite und in gespeicherten Stücken verborgenen Regeln in seinem Tun unterstützt.

In diesem Fall befreit KIBA den Besucher von aller theoretischen Last. Letzterer kann sich ganz seinen kreativen Impulsen hingeben.

Es ist aber genau so denkbar durch Feedback von KIBA kompositorische Regeln zu erlernen. So etwas könnte beispielsweise Gegenstand von Schülerprojekten sein. Ich möchte das am Beispiel der Kanonkomposition mit KIBA demonstrieren. Dies bedarf aber dann doch des Bildschirms. KIBA gibt dem Benutzer stets ein Feedback darüber, welche Tonereignisse aktuell noch hinzugefügt werden, oder entfernt werden können, ohne dass kontrapunktische Satzfehler, oder das Dargestellte keinen Kanon mehr darstellt.

Studierende des Masterstudiengangs Digitale Medien an der Fachhochschule Brandenburg, die an dem Abend ihre persönliche Variation von KIBA vorgestellt haben.

Bild 0-14: Studierende des Masterstudiengangs Digitale Medien an der Fachhochschule Brandenburg, die an dem Abend ihre persönliche Variation von KIBA vorgestellt haben.

Schließlich lädt dieses ganze Framework Künstler, die auch Computerprogramme schreiben können dazu ein, neue Kompositionsarten für KIBA zu entwerfen und umzusetzen.

Genau darum geht es in den nachfolgenden studentischen Vorträgen:

Studierende des Master-Studiengangs Digitale Medien haben im Verlauf des aktuellen Semesters eigene Programm-Varianten für KIBA entwickelt.

Es besteht die Idee diese Variationen zeitweise ebenso im Museum mit KIBA erlebbar zu machen. Und ich möchte vorwegnehmen: Das was die vier Studierenden zustandegebracht haben, ist es wirklich Wert den Museumsbesuchern ebenfalls zur Verfügung zu stellen.

  • Lassen Sie sich nun davon überraschen, wie
  • Melanie Duhn das Solfeggio C.P.E. Bachs dem Museumsbesucher nahebringen möchte.
  • Erleben Sie die Phantomtöne von Heiko Ruhm.
  • Benutzen Sie KIBA gemeinsam mit Katja Müller als Drummachine und
  • schauen Sie mit Hilfe des Programms von Marten Schälicke, der übrigens hier aus Frankfurt (Oder) kommt, auf die rhythmischen Verschiebungen in der Minimalmusic wie auf ein Uhrwerk.

Ich bitte also jetzt um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit für die Präsentationen der Studierenden. Vielen Dank.