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© Guido Kramann

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Künstlerische Forschung

Wahlpflichtfach im Masterbereich an der Technischen Hochschule Brandenburg


kf2016.pdf - Poster zur Lehrveranstaltung Künstlerische Forschung

Inhalt der Lehrveranstaltung

Die Studierenden wählen zu Beginn des Semesters selber etwas aus dem Kontext ihrer Studienrichtung, das sie erforschen möchten aus. Die Art in der dieses Erforschen geschieht, unterscheidet sich von der im wissenschaftlichen Betrieb gängigen Weise insofern, als für den zu erforschenden Gegenstand nicht erstrebt wird, ihn möglichst objektiv zu erfassen und zu kategorisieren, sondern er phänomenologisch, also in seiner subjektiven Wirkung auf den Untersuchenden hin, erfaßt wird. Diese sinnliche, emotionale und mentale Wirkung soll dann sehr wohl wieder Gegenstand einer systematischen, kategorisierenden, von gezielten Experimenten begleiteten Untersuchung sein. Am Ende des Semesters sollen die Studierenden dann anderen Menschen die Gelegenheit geben, an diesen Untersuchungen und Experimenten teilzuhaben, um so den Erkenntnisprozeß, den die Studierenden durchgemacht haben, intersubjektiv nachvollziehen zu können. Bei dieser Art der Darbietung wird der Untersuchungsgegenstand aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst und so transformiert , daß die untersuchten Aspekte intensiv erlebbar werden. Diese abschließende Präsentation soll an einem gesonderten Termin am Ende des Semesters öffentlich in Form einer künstlerischen Performance oder Installation erfolgen, welche gemeinsam mit einem Einführungsvortrag die zu erbringende Prüfungsleistung darstellt.

Beispielthemen

a) Stahlträger haben den Zweck, Lasten abzustützen. Zur Auslegung von Tragwerken mit dynamischer Beanspruchung werden auch deren Eigenmoden untersucht, also die Art und Weise, in denen diese Träger zu Schwingungen neigen (Knotenpunkte, Amplituden, Frequenzen). Sinnlich wahrnehmbar sind diese Eigenmoden teilweise als Töne und Klänge, die diese beim Anschlagen oder Anregen abgeben. Gegenstand der künstlerischen Forschung können hier der Zusammenhang zwischen Geometrie der Träger und den abrufbaren Klängen, sowie deren musikalischer Bedeutung gemäß der abendländischen Musiktheorie sein. Der Erkenntnisgewinn läge in einem vertieften theoretischen Wissen über diese Zusammenhänge. Exemplarisch könnte dieses Wissen in Form einer Klanginstallation weitergegeben und sinnlich erfahrbar gemacht werden.

b) Blockdiagramme sind ein probates Mittel, Prozesse und (meistens hierarchische) Strukturen zu veranschaulichen. Wie wird die persönliche Wahrnehmung der Umwelt verändert, wenn diese mit Unterstützung von Blockdiagrammen wahrgenommen wird? Welche Aspekte der Umwelt heben sie hervor, welche verbergen sie, beispielsweise wenn sie eingesetzt werden, um die Einbindung von Mitarbeitern in die Prozesse einer Firma zu veranschaulichen? Was bleibt übrig, wenn solche Diagramme nicht mehr für einen dahinter stehenden Prozeß, sondern nur noch für sich selber stehen? Gibt es Prozesse, deren Darstellung als Blockdiagramm ethisch fragwürdig wäre? Bei diesem Thema könnte die Präsentation Sinn entleerter und provozierender Blockdiagramme Gegenstand einer abschließenden künstlerischen Darbietung sein.

c) Wir sind ständig umgeben von Geräuschen. Sind diese gleichmäßig, so nehmen wir sie irgendwann nicht mehr wahr. Beispielsweise soll der Einbau einer leiseren Klimaanlage in einem Großraumbüro schon dazu geführt haben, dass sich danach die Mitarbeiter anfingen, über die Lautstärke ihrer Nachbarn zu beschweren. Andererseits kann ein PC-Pool mit leistungsfähigen Lüfter-gekühlten Rechnern schon so laut sein, dass man sich nicht dauerhaft darin aufhalten möchte. Ist es nun angenehmer, wenn die Lüfter alle gleichmäßig und damit mit gleicher Frequenz laufen, oder wenn sie ihre Drehzahl je nach CPU-Auslastung und Wärmeentwicklung anpassen? Kann es Sinn machen und ist es möglich, diese Geräusche zu harmonisieren? Und wenn ja, was würde denn als harmonisch wahrgenommen werden? Nach einer Vertiefung in die Hardware-nahe Programmierung, könnte auch eine Arbeit über dieses Thema in eine Klanginstallation münden, in diesem Fall in eine, die aus einem umfunktionierten PC-Pool besteht.

Gliederung der Lehrveranstaltung

Während die Studierenden in der zweiten Semesterhälfte begleitet durch den Dozenten und in ständigem Austausch mit ihren Mitstudierenden überwiegend an ihrem selbst gewählten Forschungsthema, bzw. deren Umsetzung als künstlerischem Werk arbeiten, werden die Studierenden in der ersten Semesterhälfte zu der für die meisten sicherlich ungewohnten Arbeitsweise hingeführt. Dies erfolgt einerseits praxisorientiert durch kleine Übungen gepaart mit der Analyse von Kunstwerken, die in einem Prozeß des künstlerischen Forschens entstanden sind und bei denen dieser Prozeß gut nachvollziehbar ist und zum anderen durch die Auseinandersetzung mit theoretischen Schriften, die dabei helfen, über die Art und Weise, wie im künstlerischen Forschen die Umwelt untersucht wird zu reflektieren.